RISC

RISC steht für „Reduced Instruction Set Computer“ und bezeichnet eine Prozessorarchitektur, die sich seit den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren aus einer grundsätzlichen Neubewertung des Prozessorentwurfs entwickelte. Im Zentrum stand nicht einfach „weniger Befehle“, sondern die Frage, welche Aufgaben sinnvollerweise in Hardware ausgeführt werden sollten und welche besser durch Compiler und Software gelöst werden. Das Reduced Instruction Set entstand damit als Gegenbewegung zu einer Phase, in der Prozessoren immer komplexere Befehlssätze erhielten.

CISC vs. RISC

In den 1970er-Jahren dominierten Architekturen, die später als CISC, also „Complex Instruction Set Computer“, bezeichnet wurden. Prozessoren wie DEC VAX boten umfangreiche, teilweise sehr hoch abstrahierte Befehle. Die Idee dahinter war, die Lücke zwischen Hochsprachen und Maschinencode zu verkleinern. Komplexe Operationen sollten direkt durch einzelne Maschinenbefehle unterstützt werden. Das passte zu einer Zeit, in der Speicher teuer war, Assemblerprogrammierung noch eine größere Rolle spielte und Mikrocode als flexible Möglichkeit galt, komplexe Instruktionen umzusetzen.

Vergleich CISC vs RISC in elektronik-Architektur – Program Memory, Data Path, Decoder; embedded software.
Vergleich CISC vs RISC

Gegen Ende der 1970er-Jahre verschob sich diese Perspektive. Compiler wurden leistungsfähiger, Hochsprachen setzten sich stärker durch, und die Halbleiterintegration erlaubte neue Prozessorentwürfe. Gleichzeitig zeigte sich, dass viele komplexe Maschinenbefehle selten genutzt wurden oder für Compiler schwer zu verwenden waren. Der Aufwand, solche Befehle in Hardware oder Mikrocode bereitzustellen, stand nicht immer in einem sinnvollen Verhältnis zu ihrem tatsächlichen Nutzen.

IBM 801 und weitere Entwicklungen

Ein früher Meilenstein war IBMs 801-Projekt. Ab 1974 arbeitete ein Team um John Cocke an einem Controller für Telefonvermittlungen, der eine sehr hohe Anzahl von Verbindungen pro Sekunde verarbeiten sollte. Das ursprüngliche Projekt wurde zwar eingestellt, doch die architektonischen Überlegungen führten zum IBM 801, einem der ersten praktischen Systeme. Der Name 801 bezog sich auf das IBM-Gebäude, in dem das Projekt entstand. Der IBM 801 gilt heute als wichtiger Vorläufer späterer Prozessoren.

Befehlssatz-Schema der IBM801-Architektur
Befehlssatz-Schema der IBM801-Architektur

Parallel dazu entstanden an Universitäten weitere prägende Projekte. An der University of California, Berkeley, arbeiteten David A. Patterson und Carlo H. Séquin am Berkeley-RISC-Projekt. Sie prägten Anfang der 1980er-Jahre den Begriff RISC. An der Stanford University entwickelte John L. Hennessy das MIPS-Projekt, dessen Name ursprünglich für „Microprocessor without Interlocked Pipeline Stages“ stand. IBM 801, Berkeley und Stanford MIPS bildeten zusammen den Kern der frühen Bewegung.

Typisch für frühe Architekturen waren ein regelmäßiger Befehlssatz, viele frei verwendbare Register, Load-Store-Prinzipien und oft eine feste Befehlslänge. Rechenbefehle arbeiteten im Regelfall auf Registern, während Speicherzugriffe über separate Load- und Store-Befehle erfolgten. Dieses Modell passte gut zu Compilern, weil Registerzuweisung, Zwischenergebnisse und Optimierungen systematischer behandelt werden konnten. Gleichzeitig erleichterte die regelmäßige Struktur die Pipeline-Verarbeitung.

In den 1980er-Jahren wurde RISC zu einem zentralen Thema der Prozessorentwicklung. Zahlreiche Hersteller entwickelten eigene Architekturen: Acorn entwickelte die ARM-Architektur, MIPS wurde kommerzialisiert, Sun brachte SPARC hervor, HP entwickelte PA, Motorola den 88000, IBM die POWER-Architektur, DEC später Alpha. Apple, IBM und Motorola arbeiteten ab den frühen 1990er-Jahren an PowerPC. Das reduzierte Instruction-Set war wurde zur Basis vieler Workstations, Server, Embedded-Systeme und Spezialrechner.

ARM

Eine besondere Rolle spielt ARM. Die Architektur entstand ursprünglich bei Acorn für den Heimcomputer Archimedes. Aus der „Acorn RISC Machine“ wurde später ARM. Anders als viele klassische Prozessorhersteller fertigte ARM die Prozessoren nicht selbst, sondern lizenzierte das Design an andere Unternehmen. Dieses Geschäftsmodell wurde entscheidend für die Verbreitung. ARM-Kerne fanden ihren Weg in Mobiltelefone, PDAs, Smartphones, Tablets, Router, Kameras, Mikrocontroller, Spielkonsolen und später auch Notebooks und Server.

Heute ist ARM eine der wichtigsten Familien überhaupt. In Embedded-Systemen ist ARM seit Jahrzehnten stark vertreten, insbesondere durch Cortex-M-Mikrocontroller und Cortex-A-Anwendungsprozessoren. Im Mobilbereich wurde ARM zur dominierenden Architektur. Moderne Smartphones, viele Tablets und zahlreiche IoT-Geräte basieren auf ARM-Kernen. Mit Apple Silicon, also M1, M2, M3 und Nachfolgern, wurde ARM auch im Notebook- und Desktopbereich sichtbar. Zusätzlich dringt ARM in Servermärkte vor, etwa über AWS Graviton, Ampere Altra und andere Plattformen.

PowerPC, MIPS und SPARC

IBM führte RISC über POWER und PowerPC weiter. Die RS/6000-Systeme ab 1990 machten POWER zu einer wichtigen Architektur für Workstations und Server. PowerPC wurde in Apple Macintosh-Systemen, in Spielkonsolen wie Nintendo GameCube, Wii und Xbox 360 sowie in Fahrzeugen und Kommunikationssystemen verwendet. POWER-Prozessoren blieben zudem im High-Performance-Computing relevant. IBM Blue Gene, Watson und Summit nutzten POWER-basierte Architekturen.

MIPS war ebenfalls eine prägende RISC-Familie. Ursprünglich in Workstations und Servern eingesetzt, wanderte MIPS später stark in Embedded-Anwendungen. Router, Netzwerkgeräte, Spielkonsolen und Consumer-Elektronik nutzten MIPS-Prozessoren. Beispiele sind frühe PlayStation-Systeme, Nintendo 64, Netzwerkgeräte und viele Routerplattformen. In klassischen Workstations verlor MIPS jedoch an Bedeutung.

SPARC, entwickelt bei Sun Microsystems, war lange mit UNIX-Workstations und Servern verbunden. Auch HP PA und DEC Alpha waren wichtige Vertreter der RISC-Ära im Server- und Workstationmarkt. Alpha galt technisch als besonders leistungsfähige Architektur, verschwand aber wie viele andere Familien durch Marktverschiebungen, Übernahmen und den zunehmenden Einfluss von x86. Dieser Verlauf zeigt, dass technische Eleganz allein nicht über den langfristigen Markterfolg entscheidet.

RISC-V

Eine der wichtigsten aktuellen Entwicklungen ist RISC-V. RISC-V ist ein offener Befehlssatz, der an der University of California, Berkeley entstand und heute von einer gemeinnützigen Organisation verwaltet wird. Anders als ARM oder x86 ist der offene Standard nicht an einen einzelnen kommerziellen Lizenzgeber gebunden. Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Open-Source-Projekte können eigene Implementierungen entwickeln. Dadurch ist es besonders attraktiv für Forschung, Ausbildung, Mikrocontroller, Spezialprozessoren und zunehmend auch für Industrieanwendungen.

RISC-V wird heute in Embedded-Systemen, Mikrocontrollern, Sicherheitscontrollern, SoCs, AI-Beschleunigern und kundenspezifischen Chips eingesetzt. Die Offenheit des Befehlssatzes erleichtert eigene Erweiterungen, etwa für Signalverarbeitung, Kryptografie, Safety-Anwendungen oder Machine Learning. Firmen wie SiFive, Andes, Ventana und Esperanto zeigen, dass RISC-V nicht nur für kleine Controller, sondern auch für leistungsfähigere Kerne und massiv parallele Systeme genutzt werden kann.

RISC heute

Die klassische Gegenüberstellung RISC gegen CISC ist heute nur noch eingeschränkt aussagekräftig. Moderne x86-Prozessoren besitzen zwar weiterhin einen CISC-Befehlssatz nach außen, übersetzen viele Befehle intern jedoch in einfachere Mikrooperationen, die in stark pipelineden und superskalaren Kernen ausgeführt werden. Gleichzeitig haben „reduzierte“ Architekturen komplexere Erweiterungen aufgenommen, etwa SIMD-, Vektor-, Kryptografie- oder Machine-Learning-Befehle. Die Grenze zwischen RISC und CISC ist dadurch unscharf geworden.

Ein moderner ARM-, POWER- oder RISC-V-Prozessor kann intern hochkomplex sein, obwohl der Befehlssatz auf RISC-Prinzipien basiert. Out-of-Order Execution, Branch Prediction, mehrere Ausführungseinheiten, Cache-Hierarchien und Vektorwerke gehören heute auch bei RISC-Prozessoren zur Realität. Reduced Instruction Set Computer beschreibt daher weniger eine einfache Hardware, sondern eine bestimmte Art, den Befehlssatz und die Schnittstelle zwischen Software und Prozessor zu gestalten.

ARM Cortex-M dominiert viele industrielle und kommerzielle Anwendungen, während RISC-V als Alternative auftritt. In Steuergeräten, Sensoren, Aktoren, Messsystemen, Kommunikationsmodulen und sicherheitsrelevanten Embedded-Systemen sind RISC-Kerne weit verbreitet. Häufig steht ein Trade-Off im Vordergrund, also eine passende Kombination aus Rechenleistung, Stromaufnahme, Kosten, Toolchain, Peripherie und langfristiger Verfügbarkeit.

RISC ist damit weniger ein historisches Schlagwort als eine Entwicklungslinie, die viele heutige Prozessoren geprägt hat. Vom IBM 801 über Stanford MIPS, ARM, POWER und SPARC bis zu RISC-V zieht sich eine gemeinsame Frage: Wie sollte die Schnittstelle zwischen Software und Hardware aussehen, damit Prozessoren gut implementierbar, gut programmierbar und für neue Anwendungen skalierbar bleiben? Die Antwort hat sich über Jahrzehnte verändert, aber die Prinzipien sind in vielen modernen Architekturen weiterhin erkennbar.

Heute begegnet man dem reduzierten Befehlssatz praktisch überall: in Smartphones, Mikrocontrollern, Routern, Automobilsteuergeräten, Industrieelektronik, Rechenzentren, Supercomputern und AI-Beschleunigern. ARM ist der sichtbarste Massenmarktvertreter, POWER bleibt in ausgewählten Hochleistungssegmenten relevant, wird aber nach und nach abgelöst. Damit ist RISC ein Begriff aus der Computergeschichte und ein architektonischer Ansatz zugleich, der weiterhin die Entwicklung moderner Rechensysteme prägt.

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